Christine Rieck-Sonntag
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Meine Annäherung an Penthesilea

Marilyn Monroe als Penthesilea und ein alter Polenkönig als Achill - ganz schön weit hergeholt, oder? Durchaus nicht, die Marilyn-Bilder habe ich auf dem Polenmarkt in Frankfurt/Oder, oben vor der Kaufhalle aufgestöbert, und die alten Zloty-Scheine mit den Portraits einiger polnischer Könige hatte eine Freundin in Slubice, einen Steinwurf weit drüben über der Oder gefunden.
Mit der Frage "Wie sieht meine Penthesilea aus?", bin ich schon auf der Fahrt nach Frankfurt/Oder in Leipzig ins Museum gegangen, zeichnete dort Klingers tanzende Skulpturen und verwarf Bernhard Heisigs Kriegsbild als Inspiration. Nein, so mörderisch-grauslich wollte ich es nicht. Ich wollte schon auch die Erotik, die Sinnlichkeit, die Schönheit der Form der Körper in Tanz und Kampf. So stieg ich in Frankfurt/Oder ein mit den Liebesszenen Kleists, zeichnete aus dem ungestüm andrängenden Rhythmus seiner Texte, zeichnete am Ufer der Oder und im Schilf der Insel Ziegenwerder.
Dann begegnete ich der Gewalt der klotzigen und doch so sensiblen Steinfiguren des Bildhauers Horst Engelhardt - und die gewaltsamen Kampfverse Kleists drängten heran, ließen die Zerissenheit der Penthesilea wie auch ihre archaisch kämpfende Seite in mir anklingen. Aber sie verlangten nach größerem Format. Ich nahm altes DDR-Packpapier und kratzte mit einer Hühnerfeder Tusche darauf, einige Spritzer Rostrot waren noch vom vorherigen Künstler auf den Packpapierfetzen. Inspiration von außen, oder darum jetzt plötzlich entdeckt, weil es nötig, reif war von innen? Interessiert mich nicht; ich suche nicht, ich finde, sagte Picasso. Genau, es findet sich schon zur rechten Zeit. Meist malte ich nachts, ungestört beim Abtauchen. Und dachte, ja, das ist sie, meine Penthesilea, voller Liebe, kämpferisch, unvernünftig, nicht zu zähmen, das Roß in der Brust. Ein Zyklus quadratischer Bilder ist fertig, wild, aber geformt im spröden Zugriff dieses widerspenstigen Materials und der Feder.
Ich bin, denke ich, fertig mit meinem Thema. Und will mich nochmal umschauen in dieser Stadt am östlichsten Wundrand Deutschlands. Ich hab nur noch wenige Tage hier, was will ich noch sehen? Nochmal zu den Kanälen mit Seerosen und Iris, den Treidelweg entlang in der Morgensonne, nachts unter den duftenden Linden durch den alten Park? Aber dann radle ich stattdessen oderabwärts zu den Schornsteinen, die aus zwanzigjährig verwildertem Wendeweidengebüsch ragen. Was verbirgt sich hinter dem rostigen Stacheldraht, dem verfallenen Bretterzaun, der Durchschlupf gewährt? Eine alte Backsteinfabrik, mit dunkelglasiertem Ziegelmaßwerk, schön in den Maßen, steht sie in trotzigem Verfall, starrt mit kleinscheibigen Fenstern wie mit trüben Augen über mich hinweg. Zurück? Oder in eine Zukunft? Nein, die gibt es hier nicht. So schön und kraftvoll sie in der Abendsonne aufleuchtet - ja, denke ich, sie, die Fabrik ist auch eine Penthesilea, eine kraftvolle, trotzige Schöne, die scheitern mußte, die im Handstreich abgewickelt wurde, die kämpfte zwischen den Systemen und Ideologien, aber sie hatte keine Chance.
Wird mir denn alles zu Penthesilea? Wer war dann Achill bei der Wende? Ich setze mich auf die morschen Kabelrollen, versuche über mich selber zu lachen, denn solche Vergleiche hinken doch auf beiden Füßen. Aber hier hinkt viel. Hintennach oder vielleicht vorneweg? Dieses Frankfurt, das ich liebe in seiner Ehrlichkeit, das mich anstrengt mit seinen Brüchen aus Kriegsschäden, aus DDR-Geschichte und Wendezeitbetrug. Mit seinen breiten Straßen, die eigentlich zugeteerte Trümmerschneisen sind, in denen stolz einige Zähne aufragen, alte schöne Häuser, ein paar Kirchen, die keine Glucken über der Schar ihrer Küken mehr sind, eher renovierte Suppenhühner. Es ist eine Stadt, in der die Hoffnung nicht gestorben aber erschlafft ist. Jetzt flattern Kleist-Zitate auf blauen Bändern durch den Lindensommer. Aber auch Kleist wurde gesprengt und zerissen von all den Widersprüchen in einem einzigen Brustkorb. Versuchte die Geister zu bannen mit Versen und Rhythmus, doch die Pferde rissen ihn fort, uns bleibt das Halfter.
Und ein Versuch des Bannens und zugleich Versinkens ist es, wenn ich bei der Rückkehr ins Atelier nocheinmal drei Leinwände vor mich lege. Ohne zu denken nach diesen Köpfen der polnischen Geldscheine greife. Und in den schon halb gepackten Kisten nach den Bildern der Marilyn wühle. Da ist noch eine andere Dimension in Kleists Penthesilea, über die ich hier stolpere in diesem Frankfurt. Marylin, die Ikone, die Schöne, die viel klüger war und eigener, als man sie wollte in diesem System der Reichen und Mächtigen - und dieser abgegriffene Kopf des Polenkönigs, abgerieben von so vielen Händen wie sein Ruf durch die Deutungen und Ideologien. Er ist mir die andere Seite, die arme aber starke, rauh und fremd - aber auch voll Liebe zu den Menschen. Eigentlich gleichen sie einander - festgezurrt in entgegengesetzten Systemen, erzogen, einander zu mißtrauen, im Anderen den Feind zu sehen. Sie prallen aufeinander, bereit auszubrechen aus ihren Gefangenheiten, mutig, einander zu begegnen - einen Herzschlag lang gelingt es. Einen Herzschlag, bis alles verblutet. Für das Absolute gibt es keine Dauer. Ein Herzschlaglang reicht, um die Hoffnung zu säen. Ein Blitz ist ein Blitz. Penthesilea.
Christine Rieck-Sonntag
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