Christine Rieck-Sonntag

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"Rosen für Ilse" - ein gezeichnetes Leben
Es war eine kurze aber intensive Freundschaft. Ich begegnete Ilse spät. Da war sie schon 89 Jahre alt. Die Ilse-und-Otto-Mainzer-Stiftung hatte meinen Mann eingeladen, an der New York University einen Vortrag über Otto Mainzer und seinen Roman "Prometheus" zu halten.

Natürlich hatte ich Mainzers Gedichte und "Die Sexuelle Zwangswirtschaft" gelesen. Beim Lesen des Romans hatte ich mich dann gefragt, was davon wohl autobiographisch war. Was lebte der Mann, der die freie Liebe propagierte, in seiner Beziehung selbst? Nein, eigentlich war es, weil mich Frauenleben eben mehr interessiert als das der Männer: Wie lebte es sich als Frau an seiner Seite? Ich war neugierig, seine Witwe kennenzulernen.

Zur Begrüßung schenkt sie uns ein indisches Beutelchen voll Quarters, diese Münzen, die man in New York ständig braucht und nie zur Hand hat. Orginell, denke ich, fürsorglich und praktisch! Mich mustert sie mit jungen, wachen Augen, ein bisschen spöttisch sagt sie: "Ah, sie sind also die Frau, ohne die Hans Krieger nicht nach New York kommt!" Mein "Ja" klingt etwas trotzig. Aber eigentlich bin ich unsicher. Ich habe Ilses Biographie gelesen, in der sie so ehrlich über ihr Leben schreibt, daß ich mich irgendwie schäme, so viel von ihr zu wissen. Ihre Kindheit in Berlin in einer gutbürgerlichen, jüdischen Arztfamilie, ihr Spielplatz unter dem Flügel, wo sie sich, umgeben von Musik, ihre eigene Welt aufbaut, der Tod des Vaters, der im Ersten Weltkrieg in einem fernen Lazarett am Fleckfieber stirbt. Er hatte sich freiwillig gemeldet, um für Deutschland zu kämpfen, wie viele Juden damals. Ilse war da 4 Jahre - und der Bruder, obwohl nur zwei Jahre älter, wird zum Mann in der Familie. Aber auch der Bruder kommt später in politischen Wirren in China um, er wird erschossen. Ilse hat da gerade ihre aufblühende Karriere als Pianistin abgebrochen, hat einen polnischen, jüdischen Pianisten geheiratet und konnte mit ihm aus Hitlerdeutschland nach Japan entkommen. Doch um der Mutter im Schmerz um den toten Sohn beizustehen, riskiert sie eine Rückkehr nach Berlin. Dieses ganze Leben hat sie schon gelebt, bewältigt, wie sie klein und zerbrechlich vor mir steht, ich fühle mich dagegen geschont vom Schicksal, lebensunerfahren.

Aber auch die Pianistin steht vor mir mit unglaublich zartgliedrigen Händen, sensiblen Fingerkuppen und doch einem festen Händedruck. Mit genauem Blick aus den Augenwinkeln freunden wir uns an. Die Pianistin und die Malerin, das war unsere Brücke. Sie spielt mit Hans vierhändig auf dem Flügel. Ich höre zu, schaue, zeichne. Zeichne ihre zarte, gebeugte Gestalt, die, mit Kissen den Rücken stützend, am Flügel sitzt, beim Spiel jedoch wächst, agil und jugendlich wird. Ilse unterbricht, springt auf, erklärt - ah, da ist plötzlich die Musiklehrerin. Engagierte Lebendigkeit lässt sie am Instrument fast tanzen.

Aus den Eindrücken dieses Besuchs in New York entsteht zu Hause ein ganzer Zyklus. Ilse, begeistert von den Bildern und glücklich, mich wiederzusehen, hilft mir in der Galerie der New York University eine Ausstellung zu bekommen. So bin ich im nächsten Jahr für fünf Wochen in New York. Fünf Wochen, in denen wir uns fast täglich sehen, abends, bei einer großen Schüssel Salat in ihrer Wohnung mit Blick auf die fensterreihenweise aufleuchtenden Wolkenkratzer zwischen Lincolncenter und Central Park. Und bei Gesprächen, die zurückführen in ihre Jugend, die lebenslustigen und politisch aufgeheizten Zwanziger Jahre in Berlin. Von den harten Tagen in Chikago erzählt sie, und immer wieder vom tragischen Ende ihrer Mutter. Diese Frau glaubte, wie viele Juden, zu lange, ihr werde in Deutschland nichts passieren. Ihre Tochter Ilse wusste sie in Sicherheit, denn durch die Heirat mit dem Pianisten Max Janowski hatte diese ja einen polnischen Paß und die Ausreiseerlaubnis nach Japan bekommen. Nachdem ihr Bruder in China erschossen worden ist, fährt Ilse jedoch mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Asien und Europa zurück zur Mutter nach Berlin und kämpft sich mit diesem polnischen Paß noch einmal nach Hitlerdeutschland hinein. Immer wieder erzählt Ilse mir diese Geschichte. In Berlin hat sie kein Aufenthaltsrecht mehr. Sie muß wochenweise nach England zu einer Tante, um dann zur Mutter in Deutschland wieder auf Besuch zurückkehren zu können - immer wieder hinein in dieses Nazideutschland. Unser Tee wird kalt. Ich frage sie entsetzt, ob sie nicht spürte, wie für sie selbst die Zeit zu entkommen knapp wurde? Aber nur die Mutter war ihr wichtig. Schließlich schickte Ilses Mann, inzwischen in die USA immigriert, ihr ein Visum, drängt sie, endlich nachzukommen.

Die Mutter verschifft den Flügel nach Amerika, den guten Esstisch mit den Stühlen und das gute Service. Aber die Mutter selbst? Ilse sucht verzweifelt nach dem nötigen Bürgen in den USA. Aber sie, die sich in Chikago gerade von ihrem Mann trennt und ohne festen Job ist, kann keinen Bürgen auftreiben. Immer wieder erzählt sie mir, was sie alles versucht hat, wen sie um dieses Affidavit gebeten hat, wie sie die Mutter beschwor, doch dann in jenes Kuba auszuwandern, das als Letztes noch möglich schien... Die Verzweiflung breitet sich auf dem Esstisch aus, jeden Abend neu. Hilflos höre ich zu. Vielleicht lindert zuhören - hoffe ich.

Durch den nahen Central Park spazieren wir größere Runden, weiter als Ilse sich alleine noch zutraut, oft bis hinein in den wilderen Hügelteil zu einer der knorrig-verflochtenen Bänke. "Hier habe ich mich abends immer mit dem Otto getroffen. Er schrieb im Park. Die Zimmer, die er mietete, waren klein und billig. Also arbeitete er im Freien. Wenn ich mit dem Musikunterrichten fertig war, trafen wir uns hier!" Jahrzehnte hat sie ihn gestützt, den Schriftsteller, der auch vor den Nazis geflohen war und nun in einem Land zurechtkommen mußte, dessen Sprache nicht die seine war. Verzweifelt bemühte er sich nach dem Krieg, seinen großen Roman zu veröffentlichen. Ilse, die als Organistin und Chorleiterin in einer Synagoge ein bescheidenes, aber festes Einkommen hatte, unterstütze ihn. Sie hatte ihn, als sie 31 war, in Chikago am Michigan-See kennengelernt, "mit einem Taschentuch auf dem Kopf, weißt du, so mit vier Knoten, gegen die Sonne. Sah komisch aus. Aber seine Augen! Und seine schonungslose Direktheit. Seine Gedanken über die Liebe, du hast doch sein Buch gelesen: "Die sexuelle Zwangswirtschaft", was er da schreibt über die erotische Ergänzung, die Freiheit der Sexualität - das war so anders und neu in diesem spießigen Amerika. Und zugleich war es wie ein Hauch aus meiner Jugend in Berlin. Weißt du, er hat mich eigentlich erst zu mir selbst geführt. Er war mir ein Freund, ein Gefährte, ja, und Geliebter."

"Und was war mit deiner Karriere als Pianistin, mit Konzerten?" - "Das war schwierig. Er schlief oft in meiner Wohnung im großen Zimmer mit dem Flügel. Und der Otto mochte das nicht, wenn ich stundenlang übte.... Aber das Unterrichten lag mir auch, ich habe gerne mit Studentinnen gearbeitet. Ich brauchte ja ein regelmäßiges Einkommen. Der Otto hat dann angefangen zu spekulieren, ist an die Börse gegangen. Zuerst hat er nur verloren. Aber dann hat er viel gewonnen und ist reich geworden. Davon kann ich jetzt gut leben." Aber auch über einen anderen Mann redeten wir auf dieser Bank: über Erwin Chargaff, den Wiener Juden, der hart am Nobelpreis vorbeigeschrammt war und nach seiner Emeritierung zur Feder griff, um einige der klarsten und kritischsten Essays über Amerika zu verfassen. Hans hatte ihm eine Laudatio bei einer Preisverleihung gehalten, und daraufhin hatten wir ihn in New York besucht. Wir hatten den Eindruck, den müsste die Ilse kennenlernen, sie wohnen grade ein paar Blocks voneinander entfernt. Soviel an Geschichte und Wachheit ist ihnen gemeinsam, wieso sind sie nicht längst aufeinandergetroffen? "My last boyfriend" hat sie ihn später manchmal genannt. Er war "beeindruckend", da waren wir uns einig - und beide waren wir enttäuscht, fast kindlich wütend, daß er "uns jetzt so schnell einfach weggestorben ist, wo wir ihn erst kurz kannten." Wir planten ein Büchlein über ihn, "ja, das Portrait vornedrauf, das du von ihm gemalt hast, das hat ihn genau getroffen, wenn du auch sagst, du hast es aus der Erinnerung gemalt. Aber was soll ich schreiben, da war doch nichts zwischen uns. Wir redeten, ich brachte ihm Lebkuchen in der Adventszeit - und er, er sagte, bei Sacher in Wien hätte es in seiner Jugend feinere gegeben. Charmant war er nicht. Außerdem war er ja viel zu alt für mich, er war doch schon 96. Nein, er war froh, wenn ich ihn besuchte, und wir haben viel geredet. Er war ein Intellektueller, ich weiß nicht mal, ob er mich ernst genommen hat?"

Wie Teenager sitzen wir auf der Parkbank, sie, glücklich mit jemandem über ihn reden zu können, ich, fasziniert, daß eine Neunzigjährige sich noch so mädchenhaft bezaubern lassen kann. Ich nehme sie bei der Hand und erinnere sie: "Er war im Krankenhaus, er war dabei sein Leben abzuschließen - ich denke an Abraham, der starb. Und wen rief der Chargaff an, wen allein wollte er noch sehen? Dich. Du kamst in die Klinik und warst bei ihm. Und als du gingst, konnte auch er gehen. Nach zwei Stunden war er tot, eingeschlafen. Du bist der Mensch, den er noch sehen wollte, den er brauchte zum Abschiednehmen von der Welt." Dann sind wir beide lange still und schauen den Robins zu, die durchs Gebüsch fliegen. "Aber ein Buch habe ich noch von ihm, von dem, der nie eines seiner 10 000 Bücher herleihen wollte. ’Da ist jetzt eine Lücke’, sagte er, ’bis Sie das wiederbringen’. Aber das letzte, das mit dem gelben Leineneinband, das konnte ich ihm nicht mehr zurückgeben," schmunzelt sie. "Na, siehst du, wie kompliziert er’s gemacht hat, dir ein Buch zu schenken. Und genauso schwer macht sich´s sein Sohn." Ilse hatte den Sohn, den einzigen Erben, um eine Kleinigkeit zur Erinnerung gebeten, und dieser konnte in dem riesigen Nachlaß nichts finden, schien es. Nach Wochen der Wohnungsauflösung bringt er schließlich eine Stehlampe. "Wunderbar," sage ich "das heißt, der Chargaff will dir sagen: Ilse, du warst das Licht meiner späten Tage!" "Woher willst du denn das wissen," meint sie lächelnd "aber es klingt schön!"

Zermatt. Unsere letzten Tage zusammen. Bei ihrer Ankunft erschrecke ich, und begrabe unser Pläne, die wir am Telefon über den Atlantik hinweg machten: Seilbahnfahrten und kleine Höhenwanderungen mit den herrlichen Ausblicken auf die Gabelspitzen und das Matterhorn. Wenige Tage waren ihr geblieben, Pflegetage. Für mich sind es Tage großer, inniger Nähe zu ihr. Sie liegt bei geöffneten Balkontüren mit Blick aufs Matterhorn. "Bis zur Hörnlihütte war ich mit Otto. Ich hatte einen Rock an, und der Wind blies schrecklich. Und da drüben bei den hohen Lärchen, da haben wir immer gerastet. Wir hatten Wurststullen dabei, Otto war sparsam. Wir sparten das ganze Jahr für diese Reise nach Europa." Zermatt war der erste Urlaub gewesen, den sich Otto Mainzer von Amerika aus erträumt und erspart hatte. Hier in den Bergen und drüben in Grindelwald spielen auch Teile seines Romans "Prometheus". Seit Ottos Tod kommt Ilse allein nach Zermatt, in die Kühle der Berge und in die Landschaft voll Erinnerung.

Und über den Tod haben wir gesprochen. Ich erzähle ihr von den indianischen Schamanen, wie sie alte Menschen in Gedanken- und Seelenreisen an einen Fluß führen und hinüberschauen lassen, Vertrauen, Zutrauen gewinnen lassen zum anderen, unbekannten Ufer, wie sie Sterben als eigene Entscheidung und Lebensarbeit beschreiben. Ich erzähle all die Geschichten von Persephone und Demeter, von Isis, von der bayerischen Tödin und den Perchten, von Hiob und Abrahams Schoß, von der Maccabäerzeit im Judentum und der Auferstehungshoffnung der Christen. "Du bist die erste, die mit mir über den Tod spricht," sagt sie. "Bei Holocaust-überlebenden war das ein Tabuthema. Weißt du, ich glaube das auch alles nicht, ich bin da zu nüchtern und wissenschaftlich. Aber bitte, erzähl das von den Indianern noch mal." Und wir machen Pläne für meinen nächsten Aufenthalt in New York. "Wir gehen jeden Abend zusammen aus," verspricht sie mir, "in die Konzerte im Lincoln-Center", und ich träume laut weiter, "und ins Ballett, in die Alvin-Aley-Companie, und du solltest schon mit mir in mein geliebtes Jane-Street-Theater kommen, über diese Debbie-Aufführung muß ich mir dir reden. Ich glaube, die ist in Ottos Sinn, eine Explosion aus der Verklemmtheit! Dann zeig ich dir auch mein Zimmer oben in dem alten Hotel, da schliefen die überlebenden der Titanic, und seitdem ist nichts renoviert, glaub ich."

Wir wissen beide, wir werden weder nochmal zusammen ins Ballet noch ins Konzert gehen. Und ich denke mir: einen deiner Teelöffel hätte ich so gerne von dir, Ilse, daß ich an dich denke, wenn ich meinen Kaffe umrühre, und das schmale Buch mit dem gelben Leineneinband. Nur ich allein weiß doch seine Geschichte. Aber ich will denken, so ein Wunsch hat doch noch viel Zeit!

Mit letzter Kraft und guter Begleitung kann Ilse zurückfliegen nach New York. Beim Telefonieren stelle ich mir immer einen Draht vor, der uns verbindet, wie um ihre Stimme festzuhalten, die immer leiser und dünner wird. Ilse kann den Hörer nicht mehr halten. Aber ich weiß, sie hat keine Schmerzen. Zur Beerdigung fliege ich nicht. Mein Abschied war Zermatt. Ich werde keine Rose auf ihren Sarg legen. Ihre Stimme ist noch in mir, ich fange an zu zeichnen. Die Seiten des Telefonbuchs aus Manhattan lagen in der Atelierecke seit drei Jahren. Jetzt weiß ich, wofür. Ilse am Michigansee - aber er liegt in New York. Ilse gibt ein Konzert, sie tanzt auf den Tasten, den Tönen. Ilse hat eine Wohnung mit Otto gefunden! Gedanken an die Mutter, der Wunsch, sie könne noch ein Schiff erreichen. Frühe Jahre in Berlin - und plötzlich sind Nierentisch und Tütenlampen im Bild, die in meine eigenen Jugendjahre gehören. Ich male Ilses Erinnerungen, und meine Gefühle. Linien hinauf über den Stadtplan, die Skyline entlang und die Reihe der Fenster hinab, die Kolonnen der Telefonnummern aufgreifend, frei und doch schließlich eine Form findend, Rhythmus und Struktur - so wie Ilse es in ihrer Sprache auf dem Piano gemacht hat. Meine Rose für Ilse. Christine Rieck-Sonntag

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