Christine Rieck-Sonntag

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Starke Frauen braucht das Land!
Laudatio zur Ausstellungseröffnung "ausgewandert" in der Kunstsammlung Ostbayern, Spital Hengersberg, am 20.9.2013.

"Starke Frauen braucht das Land!" - Keine Angst! Dieser Satz ist keine Wahlrede, kein Wahlaufruf für Sonntag, nicht für Mutti Merkel, auch nicht für all die anderen: Karins, Andreas, Sarahs und Sabines -, oder wie die grünen, roten oder dunkelroten und gelben Vorzeigedamen der politischen Republik alle heißen mögen!

Mein Land, unser Land, das ist das Land der Kultur, der Sprache, der Kunst, der Ästhetik, das Land eben, das uns Heimat ist, braucht starke Frauen, und es hat sie auch, Gott sei Dank, auch wenn es sie nicht immer so schätzt und ästimiert, so wie es diese verdienen, wenn es sie zum Weggehen, Davonlaufen, zum Auswandern eben zwingt.

Unser Land braucht zunächst einmal starke Künstlerinnen, eine Christine Rieck-Sonntag zum Beispiel, die mit ihren gekonnten und spannungsreichen Bildern uns die Alltagswelt so eindringlich vor Augen führt, dass wir hinter diesen die Welt der Phantasie, eben ein ganz anderes Land für uns entdecken können. Wir verlassen die vordergründige Alltagsrealität und wandern, von der Künstlerin begleitet, aus in eine andere Welt, eine Welt, die schön und traurig, beglückend und verstörend, Heimat und Anti-Heimat zugleich ist.

Diese Art des Weg- und Hineingehens in diese andere Welt ist auch eine Art Auswanderung, aber wir können sie wagen als einen freiheitlichen und selbstbestimmten Akt, was den Bildgestalten Eurydike, Penthesilea, Emerenz und Ilse verwehrt geblieben ist. Aber wir Betrachter verspüren in der bildnerischen Ausdruckskraft der Malerin diesen Imperativ, uns auf die Macht dieses Bildes einzulassen! Keinen von uns lassen sie unberührt, jeden bannen sie mit ihrer Gewalt, uns mit ihren Schicksalen, Aussagen, den Emotionen, Spannungen und Leidenschaften dieser aufregenden, spannungsreichen Frauen-Lebens-Geschichten auseinanderzusetzen. Hinter den Personen und hinter dem dargestellten Geschehen erspüren wir Betrachter, wie viel Emotion und Leidenschaft von der Künstlerin ins Bild gebannt wurde, wie meisterhaft sie die Wechselwirkungen der Farben und den Spannungsverlauf der Linienführung beherrscht.

Die starken Frauen auf den Bildern haben ihre starke künstlerische Meisterin gefunden, Christine Rieck-Sonntag will uns aber nicht ihre eigene Interpretation dieser Schicksale dominant aufoktroyieren; sie agiert als Freundin ihrer Figuren in diesem künstlerischen Prozess, und sie lässt auch uns Betrachtern Freiheit, Spielraum, Erfahrungs- und Erlebnisraum in der Konfrontation mit der immensen Aussagekraft der Bilder. Und was gibt es da alles Aufregendes, Anrührendes zu entdecken!?!

Das beginnt schon mit dem Zyklus "Orpheus und Eurydike" bzw. "Eurydike - ein Holzweg?", den fernen Sagengestalten aus der griechischen Mythologie; wir entdecken mit Christine Rieck-Sonntag, dass hier der Mythos noch viel weiter in die Geschichte Europas "zur Wiege dieses Erdteils" zurückreicht, auch der Mythos ist ausgewandert sozusagen. Die Künstlerin ist ihm quasi nachgewandert und zeigt uns ihre aufregenden Entdeckungen und Fundstücke als Tuschezeichnungen auf Bruchstücken von Obstkisten. Die Ergebnisse dieses "Holzweges" sind auch als eindringliches Fahrtenbuch im Stutz-Verlag präsent. Es enthält auch ein wunderschönes Gedicht des Münchener Lyrikers Hans Krieger, einen Klagegesang des Orpheus, aus dem ich einige Zeilen, die Schlusszeilen, zitieren darf:


Meine Zeit ist dahin -
meine Kraft ist gebrochen -
ohne die Frau, die ich liebte,
bin ich selbst mir verloren;
ist die Welt mir ein Grab.

Andere kommen nach mir,
sie singen der Erde ihr Lied,
singen, wie ich einst sang,
mit dem großen Atem der Göttin,
weil sie lieben wie ich.

Man wird sie bewundern
man wird sie beneiden
wird dumme Geschichten erfinden.

Nie wird Orpheus verstanden,
doch - gehört oder nicht -
sein Lied wird immer wieder erklingen!


Briefe an Auguste Unertl
Eine andere Auswanderung führt uns zu Penthesilea, der mythischen Amazonen- und Mythenkönigin, die einst in einem Frauenstaat zu leben hatte und sich im Trojanischen Krieg einmischt, ohne eindeutig für eine der Kriegsparteien sich zu entscheiden. Sie verlässt das starre Normengefüge ihres Staates; wandert gleichsam aus! Penthesilea selbst fühlt sich zu Achill hingezogen, Liebe wird aber zur Hassliebe; Heinrich v. Kleist hat uns diese grausame Geschichte in einer Verstragödie schon 1808 aufgeschrieben. Nach dem idyllischen Zauber der Liebesszene im 15. Auftritt aber kommt das blutige Ende: Penthesilea zerfleischt Achill am Schluss mit ihren eigenen Zähnen:

"Küsse, Bisse / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / kann schon das eine für das andere greifen". - So sagt sie dabei, die schon im 21. Auftritt vom späteren Opfer selbst "Halb Furie, halb Grazie" genannt wurde.

Thomas Mann hat einmal - in seinem Chamisso-Essay - das "Überzarte" und das "Brutale" als "Komplementärbedürfnisse der reizsüchtigen romantischen Konstitution" bezeichnet. Christine Rieck-Sonntag trifft diesen Übergang, dieses Changieren des "Überzarten" und des "Brutalen", in ihrem Zyklus ganz vorzüglich, anrührend und beklemmend zugleich!

Wir verlassen das alte Europa, das alte Afrika und wandern aus in die Neue Welt, "ins Amerika", wie das im Auswandererlied im Bayer. Wald heißt. Zwei unfreiwillige Auswanderungen sind es, und wieder sind zwei starke, junge Frauen betroffen:

Die eine ist bzw. war eine jüdische Pianistin aus Berlin, Ilse Wunsch mit Namen! Sie floh vor den Grausamkeiten der Nazis. Die Flucht führte zum Abbruch ihrer Konzertkarriere, aber: sie konnte überleben in den USA und konnte noch im hohen Alter eine zeitgeschichtlich hoch interessante und sehr aufschlussreiche Autobiographie verfassen. Ihr erfülltes Leben an der Seite eines auch aus Deutschland emigrierten Schriftstellers - hat Christine Rieck-Sonntag auf Telefonbuchblättern aus Manhattan aufgezeichnet, aufbewahrt für uns Nachgeborene. Die Namenslisten aus dem Telefonbuch erinnern unwillkürlich an die Todeslisten der KZ-Opfer, wie sie die Nazi-Schergen geführt haben, auch an die zahllosen Namen auf den Kriegerdenkmälern in aller Welt, an Schindlers Liste, die Liste der Opfer des 11. September auf dem Ground Zero, die zahllosen Toten, die namenlosen, in Syrien heute und ! "Rosen für Ilse" heißt der grandiose Bilder-Zyklus! "Rosen für Ilse - ein gezeichnetes Leben!"

Vom Leben gezeichnet war schließlich auch Emerenz Meier, "meine" Emerenz, "unsere" Emerenz - Die wenigen Fotos, die wir von der Bayerwalddichterin, die 1906 nach Chicago ausgewandert ist, besitzen, Sprechen eine beredte, eindrückliche Sprache, sie sprechen für sich: um die Jahrhundertwende eine kräftige, lebhafte, starke junge Frau, optimistisch - das Leben scheint ihr nichts anhaben und antun zu können! Und dann ca. 1925, nur etwas über 50, schon krank, ausgezehrt, nur noch eine halbe Portion - wie wir Bayern sagen - dem Tode geweiht! Die Malerin trifft diese Doppelgesichtigkeit exakt, bringt diesen Übergang, den einst auch der berufene Diagnostiker und Arztdichter Hans Carossa schon festgestellt hatte, auf den Punkt: Die Hoffnung auf die Neue Welt bei der Ankunft in "Ellis Island", ihr Getriebensein in der lauten Hektik der US-Großstadt, aber auch ihre nie abgerissene Verbindung in die Heimat, in die richtige Heimat: z. B. - Help for Germany - Denk ich an Deutschland. "Briefe an Auguste" heißt das mich besonders berührende Bild im Emerenz-Zyklus, weit über 60 Briefe wurden es, wohl ebensoviel sind vermutlich verlorengegangen. Christine Rieck-Sonntag schafft es, diesen über Jahrzehnte andauernden Briefwechsel im Bild festzuhalten, auf das Gemälde zu bannen: verknappt, verdichtet, verwandelt! Ein echtes Kunstwerk, so wie das kurze lyrische Gebilde aus der Feder der Emerenz, entstanden in der frühen amerikanischen Zeit:

An Auguste

Dir weih ich die Fluren der Heimat
Und die Blumen, die es drauf gibt,
Die Stätten wo ich gelitten,
Und alles, was ich geliebt.

Du sollst sie grüßen und küssen
Von mir zu jeglicher Stund.
Den Wäldern laß du es wissen,
Wie treu mit ihnen mein Bund.

Doch halte von allen Menschen
Den Saum deines Kleides weit,
Die schuld sind, dass ich hier vergehe
In Gram und Vergessenheit.


Help for Germany
Ich selbst bin froh und dankbar, dass ich mit der von mir besorgten Werksausgabe der Emerenz etwas dafür sorgen konnte, dass sich ihre Befürchtung vom Vergessenwerden nicht bewahrheitet hat.

Und heute bin ich froh und dankbar, dass ich in der Künstlerin Christine Rieck-Sonntag eine kompetente Mitstreiterin gefunden habe, damit Emerenz auch weiterhin nicht vergessen ist! Genauso wie die anderen Protagonistinnen dieser grandiosen Ausstellung: Eurydike, Penthesilea, Ilse - alles starke Frauen!, genauso wie ihre Schöpferin, der wir diese Einsichten zu verdanken haben! - Dr. Hans Göttler -

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